Was kommt nach der Digitalisierung?

  • 3. Mai 2021
  • ivii inside, Trends, Unkategorisiert
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Klaus Temmel, Experte für Digitalisierungsstrategien, stellt dem Wirtschaftsphilosophen Patrick Siebert folgende Fragen:

Herr Siebert, verändert die Digitalisierung Ihrer Meinung nach unser Bild über uns selbst?

Definitiv! Digitalisierung ist nur ein weiterer Schritt in einer langen Entwicklungskette von Erfindungen des Menschen. Wir haben immer schon versucht, unser Verständnis der Welt, unser Wissen und unsere Macht mit Hilfe von Werkzeugen zu erweitern.

Dieser technische Fortschritt hatte immer auch Rückwirkungen auf uns selber. Wir können nicht unsere Umgebung verändern, ohne dass dies Auswirkungen auf unsere Wahrnehmung und damit auf uns hätte.

Die Erfindung des Ackerbaus hat uns sesshaft werden lassen. In der Folge sind Städte entstanden und damit auch die Notwendigkeit der Verwaltung und schließlich die Entstehung von Staaten, damit einhergehend eine Identifikation des Menschen mit dem Stück Land, auf dem er aufgewachsen ist. Staatenbildung, Regierungen und Nationalstolz waren nur einige der Auswirkungen dieser Veränderung.

Heutzutage sind wir durchgetaktete Wesen. Unsere Grundbedürfnisse richten sich nach der Uhr, wir gehen in vordefinierten Pausen auf das WC. Unser gesamtes Denken wird immer strukturierter, sequentieller und iterativer.
Jede neue technische Entwicklung hat auch eine Veränderung des Bewusstseins und unserer Gesellschaftsstrukturen mitgebracht. Dies wird auch durch die Digitalisierung geschehen.

Gibt es dazu ein wünschenswertes Szenario?

Ein positives, wünschenswertes Szenario wäre, dass die Menschheit durch veränderte Perspektiven auch ein positiveres Bild von der Welt bekommt als sie es derzeit hat! Wenn Astronauten vom Weltall auf die Erde sehen, wird ihnen oft die Wichtigkeit und der Wert der Erhaltung unseres Planeten bewusst. James B. Irwin soll folgendes nach seiner Rückkehr aus dem All gesagt haben: “That beautiful, warm, living object looked so fragile, so delicate, that if you touched it with a finger it would crumble and fall apart. Seeing this has to change a man.”, und Alan Shepard hat es wie folgt ausgedrückt: “I realized up there that our planet is not infinite. It’s fragile. That may not be obvious to a lot of folks, and it’s tough that people are fighting each other here on earth instead of trying to get together and live on this planet. We look pretty vulnerable in the darkness of space.”

Der durch die Technik ermöglichte Perspektivenwechsel verhalf diesen Astronauten zu einem Bewusstseinswandel – zu einem Erkennen der Verbundenheit und der Fragilität unseres Planeten. Die Digitalisierung führt also hier zu einer veränderten Weltsicht.

Was kommt nach der Digitalisierung?

Eines ist klar: Sollte der Prozess der Digitalisierung je abgeschlossen sein, wird die Menschheit eine andere sein. Wir werden die Welt anders betrachten, werden unseren Alltag anders erleben, werden in anderen Gesellschaftsstrukturen existieren. Die unglaublichen Produktivitätsfortschritte, welche bereits heute durch den Einsatz von Künstlicher Intelligenz möglich werden, könnten uns im Endeffekt von jeglicher Arbeit im heutigen Sinne befreien. Im Idealfall befreit uns die Digitalisierung also von unangenehmen Tätigkeiten und öffnet den Raum für mehr Kontemplation (Anmerkung ivii: Darunter versteht man konzentriert-beschauliches Nachdenken und geistiges Sichversenken in etwas)

Das alte Griechenland konnte nur deshalb die Wiege der Philosophie sein, weil Sklaven die unangenehmen Tätigkeiten verrichteten. Werden wir, wenn Maschinen sämtliche produktive Tätigkeit übernommen haben, alle zu Philosophen? Treten wir mit dem Ende der Digitalisierung in ein Zeitalter der Kontemplation, der Einkehr, des Nachdenkens ein? Werden wir eine neue Ära des Philosophierens erleben?

Möglicherweise wird uns der Produktivitätsfortschritt allen die Möglichkeit geben, den Planeten einmal aus dem All zu betrachten. Wird uns das dann, wie den heutigen Astronauten, erkennen lassen, dass wir alle verbunden sind und dass unser Planet sehr schützenswert ist? Wird dies den globalen Bewusstseinswandel hin zu mehr Nachhaltigkeit und Stabilität herbeiführen?

Werden wir, wenn durch den Abschluss des Digitalisierungsprozesses sämtliche Grundbedürfnisse weltweit gedeckt sind, in ein neues Zeitalter der Moral eintreten? Es kann sein, dass wir erkennen, dass, wenn wir nicht mehr in der physischen Knappheit leben, wir nicht auf Kriege angewiesen sind. Wir werden nur noch Gutes tun, weil wir nicht mehr um unser Überleben kämpfen müssen.

Es ist dies also auch ein Szenario:
Nach der Digitalisierung kommt das Erwachen der Menschen, globaler Bewusstseinswandel und nachhaltiger Lebensstil.

Der KI-Experte Dr. Jaromir Konecny beschreibt diese Vision so:
„Als ich klein war und die Erwachsenen mich fragten, was ich denn sein möchte, wenn ich groß sei, habe ich immer “Rentner” gesagt. Bald wird nach einer umfassenden Digitalisierung dank Künstlicher Intelligenz alles automatisiert, was automatisiert werden kann: Lernende und autonom arbeitende Maschinen verrichten langweilige, schwere und gefährliche Arbeiten und ermöglichen uns allen ein menschenwürdiges Leben und eine vollkommene Entfaltung unserer Kreativität. Dieses Schlaraffenland des Geistes könnte das letzte und beste Gesellschaftssystem werden. Dann muss ich mich nicht mehr auf die Rente freuen.”

Vielen Dank Herr Siebert für das interessante Interview!

Kontaktdaten:
MMag. Patrick Siebert
Wirtschaftsphilosoph/Vlogger

patrick@patricksiebert.at
www.patricksiebert.at
Kontakt für weitere Informationen:
Klaus Temmel
Head of Business Unit Partner

klaus.temmel@ivii.eu
Tel.: +43 (0) 676 8979 7713